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Grundlegendes

Die Friedrich Christian Flick Collection umfaßt rund 2500 Werke von 150 Künstlern des 20./21. Jahrhunderts. Dabei bildet die Kunst der zweiten Jahrhunderthälfte den Ausgangs- und Schwerpunkt der Sammlung mit einigen historisch bedeutsamen Positionen der klassischen Moderne. Während die Sammlung in diesen Bereichen weitgehend abgeschlossen ist, richtet sich das fortlaufende Engagement des Sammlers vor allem auf die zeitgenössische Kunst mit Blickrichtung auf das 21. Jahrhundert.

Die in den letzten 20 Jahren zusammengetragene Privatsammlung ist nicht nur von ihrem Umfang her auf eine öffentliche Bestimmung angelegt, sondern zeichnet sich darüber hinaus durch ein stringentes intellektuelles Sammlungskonzept aus, das durch große Werkblöcke akzentuiert wird. Neben repräsentativen Hauptwerken in allen Gattungen - Malerei, Skulptur, Fotografie, Video, Installation - belegt eine Fülle von Zeichnungen, Grafiken und Modellen die museale Qualität der Sammlung.

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Concept-Art und Minimal-Art

Zeitlicher wie konzeptioneller Ausgangspunkt sind die mittleren 60er Jahre als einer der für die Tradition der Moderne wichtigsten Wendepunkte. Aus dem grundsätzlichen Zweifel an der traditionellen Kreativitätsvorstellung und dem avantgardistischen Fortschrittsglauben entstehen konzeptuelle und minimalistische Kunstauffassungen, die der Friedrich Christian Flick Collection ihre spezifische Prägung geben. Der systematischen Analyse der Bedingungen, unter denen Kunst entsteht, widmen sich die heute schon klassischen Künstler der amerikanischen Concept-Art wie Joseph Kosuth (*1938), Sol Lewitt (*1928), Lawrence Weiner (*1940), Robert Ryman (*1930), Dan Graham (*1942) und On Kawara (*1933). Insbesondere die beiden letzt genannten sind mit großen Werkblöcken in der Sammlung hervorragend vertreten. Zeitgleich und der Concept-Art eng verbunden, entwickeln Künstler wie Carl Andre (*1935), Donald Judd (1928-94), John McCracken (*1934), Dan Flavin (1933-96) u.a. in der Reduktion auf einen minimalen Formenkanon die plastischen Werke der Minimal-Art.

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Historische Wegbereiter: Duchamp - Picabia - Giacometti

Der historische Wegbereiter für eine Kunst, die ihr eigenes Sein zu definieren und zu reflektieren sucht, ist Marcel Duchamp (1887-1968). Mit seiner radikalen Erfindung des Readymades wurde eine Schleuse geöffnet, die sich in unterschiedlichster Weise Bahnen gebrochen hat. Die drei berühmten Readymades (Flaschentrockner, Fahrrad-Rad und Schneeschaufel) bilden somit den gedanklichen Ausgangspunkt für eine Entwicklungslinie im 20. Jahrhundert, die in der amerikanischen Concept-Art der 60er Jahre ihren ersten Höhe- und Schwerpunkt in der Sammlung findet, um sich dann in vielfältigen Strängen aufzufächern.
Den zweiten klassischen Schwerpunkt bildet das Werk Francis Picabias (1879-1953), das mit fünf frühen Zeichnungen der 20er Jahre und 13 Gemälden von den Pin-up-girls der sogenannten Kitschperiode bis zum abstrakten Spätwerk in seinem konzeptuellen Stilpluralismus reich vertreten ist. Erst in den 80er Jahren hat der umstrittene "Meister der Überraschungen" (A. Breton) eine grundsätzliche Neubewertung erfahren, die ihn zum Wegbereiter für die nachfolgenden Generationen konzeptueller Maler erhoben hat.
Einen dritten Klassiker der frühen Moderne stellt Alberto Giacometti (1901-66) dar, der mit seinen stelenhaften Gestalten vielleicht am unmittelbarsten eine persönliche Befindlichkeit des Sammlers widerspiegelt: Die Zerrissenheit und Anonymität des Menschen im 20. Jahrhundert.

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Das Herzstück: Bruce Nauman

Von der existentiellen Fragestellung Giacomettis ausgehend erschließt sich das Herzstück der Sammlung in seiner moralischen und politischen Dimension: Der umfangreiche Werkblock Bruce Naumans (*1941), der in der ganzen Breite seiner technischen und formalen Vielfalt ausgebreitet wird. Bei aller Divergenz ist seinen Arbeiten eine Rohheit zu eigen, die den Prozeß des Machens hinter keinem formalen Finish verbirgt und eine unmittelbare physische Präsens ausstrahlt. Mit den gesammelten Editionen, weiteren 25 Papierarbeiten, acht frühen Videos, elf Rauminstallationen und 29 skulpturalen Arbeiten ist das Werk eines der wichtigsten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in seiner Ganzheit dargestellt.

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Die dadaistische Wurzel: Text und Bild

In dem historischen Spannungsfeld von Duchamp und Picabia läßt sich die konzeptuelle Linie unter verschiedenen Blickwinkeln weiterführen. Ausgehend von der gemeinsamen Prägung durch den Dadaismus und dessen typographischen Experimenten, bildet die Kombination von Text und Bild einen zentralen Ansatzpunkt: Angefangen von zwei collagierten Merz-Zeichnungen Kurt Schwitters (1887-1948) über die skripturalen Notate Cy Twomblys (*1928) bis zu den poetischen Bricolagen des Dichter-Künstlers Marcel Broodthaers' (1924-76). Unter dem Einfluß Wittgensteins und der französischen Strukturalisten und Poststrukturalisten führt die Orientierung am Logos weiter mit Carl Andre, Joseph Kosuth, Robert Barrys (*1936) und immer wieder Bruce Nauman über die Fluxussprache John Cages (1912-92 ), Nam June Paiks (*1932) und Dieter Roths (1930-1998) bis zu den comicartigen Zeichnungen von Mike Kelley (*1954), Karen Kilimnik (1955), Paul McCarthy (*1945) oder Raymond Pettibon (*1957).

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Konzeptuelle Malerei

Der von Richard Rorty 1967 als "lingustic turn" beschriebenen Ausrichtung an der Sprache steht jedoch eine die Malerei als Medium reflektierende Entwicklung gegenüber, die in der Friedrich Christian Flick Collection bei Francis Picabia ihren programmatischen Ausgangspunkt nimmt. Seine Aufhebung der kategorischen Differenz von gegenständlicher und abstrakter Malweise setzt sich in den 60er und 70er Jahren bei den deutschen Malern Sigmar Polke (*1942) und Gerhard Richter (*1932) fort. Parallel dazu zeichnet sich das Frühwerk von Georg Baselitz (*1938) durch ein ebenso vehementes Bekenntnis zum Gegenstand aus, wie sich Blinky Palermo (1943-77) der Abstraktion verpflichtet hat. Mit seinem Mauer durchbrechenden "Hirten" von 1966 sprengt Baselitz nicht nur die gerade errichtete Mauer zwischen Ost und West, sondern auch die ideologische Norm der internationalen Abstraktion. Jenseits ideologischer Grabenkämpfe versinnbildlichen die "Date Paintings" On Kawaras geradezu die Auflösung von Schrift und Bild, Abstraktion und Gegenstand im Kontinuum der Malerei. Galt die Sprunghaftigkeit und der häufige Stilwechsel Picabias lange Zeit als inakzeptabler Makel, so knüpfen Maler wie Martin Kippenberger (1953-97) und Albert Oehlen (*1956) in den 80er Jahre gerade an diese Tradition des "bad paintings" an. Der sich unter dem Einfluß der Massenmedien und deren gewaltiger Bilderflut abzeichnenden "Rückkehr der Bilder" (iconic turn) begegnen die belgischen Maler Luc Tuymans (*1958) oder Raoul de Keyser (*1930) skeptisch durch eine langsame und weniger sprunghafte Malerei mit sparsamer Farbpalette. Aktuelle Einzelpositionen wie Peter Doig (*1959), Marlene Dumas (*1953) Urs Fischer (*1973) Elisabeth Peyton (*1965) oder Jan van Imschoot (*1963) markieren das weite Spektrum, in dem die Malerei des "zerbrochenen Spiegels" nach ihren verbleibenden Möglichkeiten befragt wird.

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Fotografie

Die Selbstbefragung der Malerei entwickelt sich historisch aus der Erfindung der Fotografie. In dem künstlerischen Wettstreit unterschiedlicher Abbildungsmethoden scheidet sich bereits Anfang des 20. Jahrhunderts die mit der Malerei konkurrierende künstlerische Fotografie von der sich auf ihre spezifischen Eigenarten konzentrierenden sachlichen Fotografie. Mit dem präzisen auf exakte Formenwiedergabe zielenden Aufnahmestil von Albert Renger-Patzsch (1897-1966) und den "im Stil dokumentarischen" Fotos von Walker Evans (1903-75) setzt die umfangreiche Fotosammlung der Friedrich Christian Flick Collection einen deutlichen Akzent zugunsten der führenden Vertreter der sachlichen Fotografie der 20er Jahre. Darunter bildet die seltene Gruppe der 21 Vintageabzüge "Equivalents" von Alfred Stieglitz (1864-1946) sowie die bedeutende Sammlung von Bauhaus Fotografien besondere Höhepunkte. In diese Tradition steht die umfangreiche Gruppe früher Fotoserien von Bernd (*1931) und Hilla Becher (*1934), die mit ihren systematischen Industrieaufnahmen mit enzyklopädischem Charakter die sachliche mit der konzeptuellen Fotografie verknüpft haben. Unter den Konzept-Künstler der 70er Jahre haben insbesondere Vito Acconci (*1940), Dan Graham und Gordon Matta-Clark (1948-78) auch im Medium der Fotografie gearbeitet. In der nächsten Generation reiner Fotokünstler ist neben den Becher-Schülern Thomas Ruff (*1958), Thomas Struth (*1954), Candida Höfer (*1944) und Andreas Gursky (*1955) vor allem der zwischen Kunst- Mode- und Dokumentarfotografie arbeitende Wolfgang Tillmanns (*1968) und die sich in fotografischen Selbstporträts immer neu inszenierende Cindy Sherman (*1954) zu nennen. Den traditionellen Rahmen des zweidimensionalen Fotos sprengen die auratischen Cibachrome Leuchtkästen von Jeff Wall (*1946). In ihrer technischen Verwandtschaft zum bewegten Bild nehmen die Fotos von Fischli/Weiss, Christopher Williams (*1956), Rodney Graham (*1949) und Stan Douglas (*1960) eine wichtige Funktion innerhalb ihres Gesamtwerkes ein.

 

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Videoinstallationen

Der zunehmenden Bedeutung des bewegten Bildes und der neuen Medien in der zeitgenössischen Kunst trägt die Friedrich Christian Flick Collection nachhaltig Rechnung und beginnt chronologisch mit Nam June Paik als Begründer der Videokunst. Zu Paiks ersten Videoobjekten zählt der "TV Chair" und der für die Cellistin Charlotte Moorman kostruierte "TV Bra for Living Sculpture", ein Büstenhalter mit zwei Monitoren. Für die futuristische Vision vom Menschen zwischen Medium und Maschine wurde Paiks "Robot K 456" von 1963/64 zu einer Ikone der 60er Jahre. Auch Bruce Naumen leistete mit seinen frühen Videoarbeiten, die zunächst aufgezeichnete Performances sind, Pionierarbeit auf diesem Gebiet. Acht der in den Jahren 1968/69 entstandene Videobänder, die sich mit einfachen durch die Wiederholung ritualisierten Bewegungen beschäftigen, eine Korridor-Installation von 1970 und vier neuere Videoarbeiten der 80er und 90er Jahre, die in das bildhauerische Werk eingebunden sind, belegen seine kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem neuen Medium. Aus der Performance entwickelt sich auch die exzentrische Videoinstallation "Santa Chocolate Shop" von Paul McCarthy (*1945), der einen eigenen Sammlungsschwerpunkt bildet. Wichtige Positionen besetzten auch die kanadischen Künstler Rodney Graham und Stan Douglas, von denen ersterer mit seinen Maskeraden klischeebesetzter Rollen und letzterer mit seinen filmischen Untersuchungen zur Kinematographie bereits auf die Geschichte des Mediums (Video)Film rekurriert. Am Einzug des bewegten Bildes in die Museen haben auch Künstlerinnen wie Elija-Liisa Ahtila (*1959), Pipilotti Rist (*1962), Diana Thater (*1962) oder Rachel Khedoori (*1964) teil, die durch neue Bildträger und Projektionstechniken, vom Video bis zur Laserbeam-Installation, von der Realzeitübertragung zur computergesteuerten Simulation und Interaktion zu einer Entgrenzung des traditionellen Frontalkinos beigetragen haben.

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Objekt - Raum - Installation

Die zunehmende Schwierigkeit, nach Gattungen zu ordnen, zeigt sich allenthalben, jedoch nirgendwo so deutlich wie bei der Expansion plastischer Arbeiten zu raumgreifenden, multimedialen Ensembles. Ein Ausgangspunkt dafür liegt wiederum bei Duchamps bahnbrechendem Konzept des Readymades, bei dem es sich zunächst um ein Objekt im Raum, wenn auch ein industriell gefertigtes handelt. Die Rezeption Duchamps durch die Pop Art läßt sich in der Friedrich Christian Flick Collection in ihrer konzeptuellen Variante mit Werken von George Segal (*1924) oder Duane Hanson (*1925) nachvollziehen. Mit der musealen Inszenierung alltäglicher Objekte oder deren stilisierter Simulation in kostbaren Materialien setzt Jeff Koons (*1955) die Frage nach dem Stand der Dinge fort. Um diese Fragestellung kreist auch das Werk von Peter Fischli (*1952) und David Weiss (*1946), deren alltägliche Objekte aus Gummi und Polyurethan "weniger Simulationen der Dinge, als vielmehr Simulationen der Readymades" (B. Groys) sind. Das umfangreiche Werkkonvolut der beiden Schweizer läßt eine Vorliebe für die humoristischen Töne und geistreichen Pirouetten in der Kunst erkennen. Zwischen Witz, Ironie und Melancholie changiert auch der Erfindungsreichtum geistesverwandter Künstler wie Marcel Broodthaers, Rodney Graham, Martin Kippenberger oder Thomas Schütte (*1954), die auch im dreidimensionalen Medium wichtige Schwerpunkte bilden. Insbesondere der Zeichner und Maler Schütte hat Motive seiner Bildwelt zu Objekten, Modellen und Skulpturen im öffentlichen Raum monumentalisiert, die ihre gattungsspezifische Funktion thematisieren oder karikieren. Die mit dem Readymade verbundene Institutionenkritik setzt sich auch in dem neodadaistischen Geist der Fluxusbewegung fort. Ihr entspringt das wuchernde Werk Dieter Roths, das sich von frühen Schimmelhaufen und Schokoladenskulpturen bis zu raumgreifenden Installationen wie "Flacher Abfall" ausdehnt. Die destruktive Komponente der Akkumulation steigert Jason Rhoades (*1965) in der Materialfülle seiner überbordenden Installationen zu einer neuen Dimension, der die Friedrich Christian Flick Collection breiten Spielraum gewährt. Innerhalb der Vielzahl an Medien und Ausdrucksformen steht die Skulptur in ihrer Bandbreite zwischen Autonomie und Partizipation auch im Zentrum des umfangreichen Werkblockes von Franz West (*1947). Bei den aus Papiermaché geformten Paßstücken und den daraus entwickelten "Möbeln" aus Metall geht es um das taktile "Be-greifen", das psychische "An-passen" und soziale "Be-sitzen" seiner Skulpturen. Gemeinschaftsarbeiten mit Heimo Zoberning (*1959), dessen geometrische Raumkörper sich in Anspielung auf die selbstreferentiellen Objekte der Minimal-Art einer Ästhetisierung strikt verweigern, zeugen von einer wienerischen Seelenverwandtschaft. Einen ganz anderen Ansatz verfolgt Roman Signer mit seinen Arbeiten, die zwischen Versuchsanordnung und Ereignisskulptur angesiedelt und z.T. nur durch Fotos und Videos zu dokumentiert sind.

Parallel zu dieser von Duchamp hergeleiteten Linie gedanklicher Dinglichkeit, gibt es in der Friedrich Christian Flick Collection einen zweiten von Giacometti ausgehenden Strang, der einem eher klassischen Skulpturenbegriff verpflichtet ist. Bestimmt durch die plastische Präsenz und Körperlichkeit, das Verhältnis von Körper- und Raumvolumina sowie den expressiven Ausdruck manueller Bearbeitung, erlebt sich der Betrachter in einer unmittelbar körperlichen Beziehung dazu. Die in der physischen Unmittelbarkeit erfahrbaren Existenzängste von Isolation, Leiden und Gewalt bestimmen auch das plastische Werk Bruce Naumans, das durch alle Phasen von den ersten Fiberglasskulpturen, den figürlichen und textuellen Neonreliefs, über die Tierskulpturen und Wachsköpfe bis zu den Raumskulpturen, Korridoren und Außenskulpturen vollständig repräsentiert ist. Der formale Gestaltungswille und die inhaltliche Aussagekraft gelangen unabhängig von der figurativen oder abstrakten Ausprägung zu einer künstlerischen Synthese, die eine politische und moralische Dimension erreicht. Dieser im Werk von Bruce Nauman exemplarisch eingelöste Anspruch kennzeichnet den hohen Maßstab der Friedrich Christian Flick Collection.

Dorothea Zwirner

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Statement des Sammlers

Friedrich Christian Flick über seinen Weg zum Sammler zeitgenössischer Kunst und die Idee seiner Sammlung:

Ich stamme aus einer Industriellen-Familie und die Liebe zur bildenden Kunst wurde mir nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Sie begegnete mir lediglich in Form von einigen Status-Gemälden alter Meister.

Als Schüler - ich ging in Düsseldorf ins Gymnasium - wurde mir allmählich bewusst, dass Kunst nicht sein muss wie ein Echo aus fernen Zeiten. Bildende Kunst - so stellte ich Anfang der 60er Jahre fest - konnte mitten im Leben stehen, politisieren, philosophieren, provozieren, spannend sein und anstrengend, fordernd und gebend zugleich. In Düsseldorf und seiner Kunstakademie lebten und arbeiteten ja damals viele Richtung weisende Künstler. Beuys faszinierte mich damals weniger wegen seines radikalen Umgangs mit Materialien, Denk- und Sehgewohnheiten. Vor allem den politischen Ärger, den er machte, fand ich außergewöhnlich.
Es war eine spannende Zeit. Da gab es Richter, Polke, Palermo, Konrad Lueg, den späteren Konrad Fischer, aber auch eine ganze Gruppe, die heute nicht mehr so im Vordergrund steht: Mack, Uecker, Piene und andere. Ich glaube, dass sich damals bei mir - noch unmerklich - die Überzeugung im Kopf festsetzte, dass Kunst Ziel haben muss und Konzept. Dass sie mehr dem Inhalt als der Form verpflichtet sein sollte. Dennoch ging ich anfangs einen anderen Weg.

Nach meinem Ausscheiden aus dem Familienbetrieb im Jahr 1975 begann ich Malerei des 16. bis 18. Jahrhunderts zu erwerben. Speziell spanische, niederländische und italienische. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Ankauf, ein Stillleben von Wilhelm Kalf: schön und dekorativ. Nur, was hatte es mit mir zu tun? Welcher Teil von mir spiegelte sich in dieser Kunst? Es dauerte noch einige Jahre, bis ich realisierte, dass ich mit der Kunst, die ich sammelte, keinen Bezug zur Gegenwart herstellen konnte, zu unserem Leben heute und seinen Problemen. Es war dann Anfang der 80er Jahre, als ich Zugang zur zeitgenössischen Kunst suchte. Auch weil ich den Kontakt und den Austausch mit lebenden Künstlern als großes Privileg und als großen Gewinn empfand. Es war ein ganz einfacher, sinnlicher Zugang: Wenn mich die Künstler interessierten, interessierte mich auch ihre Kunst. Und umgekehrt. Ich konnte Werk und Mensch nie trennen.
Ich las alles, was ich über die Künstler erfahren konnte. Ich besorgte mir Kataloge, verschlang Literatur, suchte immer wieder persönliche Treffen mit Künstlern, was bei vielen gelang und bei manchen nicht.

Heute zähle ich viele Künstlerinnen und Künstler zu meinem Freundeskreis. Das Sammeln von zeitgenössischer Kunst fing an mit Bildern, die ich erworben habe, um sie in meine Wohnung zu hängen. Zu meinen ersten Erwerbungen gehörten Werke von Polke und Richter. Später kamen Baselitz und die Bechers dazu. Ich dachte damals ja nicht daran, ein Museum zu bauen. Aber aus der Lust wurde eine Leidenschaft, die sich immer weiter steigerte und manchmal vielleicht sogar obsessive Züge annahm. Die Sammlung wuchs, ich sammelte inzwischen nicht nur Bilder, sondern auch Skulpturen und raumgreifende Installationen, die Wohnungen wurden zu klein und auch der Abfluss, der durch Verleihungen an Ausstellungen oder an Museen gewährleistet war, konnte den Zufluss nicht mehr regulieren.
Schließlich musste ich mich mit dem Gedanken vertraut machen, ein Depot einzurichten. Ich hatte erwähnt, dass mich in der Kunst der Bezug zur Gegenwart, zu unserem Leben und seinen Problemen fasziniert. Dieser Bezug ist der Kern meiner Sammlungsphilosophie, die nicht Folge eines vom Kopf gesteuerten Prozesses, eines Planes ist. Sie hat sich in der Summe der Werke ergeben. Nicht zufällig. Vielmehr als intellektuelles Ergebnis eines in erster Linie sinnlichen, manchmal auch intuitiven Prozesses, der meine Person auch in ihren Widersprüchen, Ängsten und Sehnsüchten widerspiegelt.

Ich glaube, meine Sammlung ist so - gerade durch ihren konzeptuellen, politischen, kritischen Kern - auch Statement zu meiner Familiengeschichte geworden. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Aufarbeiten kann ich meine Familiengeschichte damit aber nicht. Die historischen Wegbereiter der in den 60er Jahren aufkommenden konzeptuellen und minimalistischen Kunstauffassungen waren zwei Künstler, die mich besonders begeistern: Marcel Duchamp und Francis Picabia. Duchamp hat einen neuen Begriff der Kreativität eingeführt. Er hat sozusagen dem Künstler den Pinsel aus der Hand genommen und dem Betrachter in den Kopf gesetzt. Er hat intellektuelle Interaktion gefordert und ausgelöst.
Ich bin sehr stolz auf das "Fahrrad-Rad" von 1913, das eines der frühesten Readymades ist. Es ist ein auf einen Hocker montiertes Speichenrad. Ich weiß, dass sich Duchamp selbst weigerte, seine Werke zu interpretieren. Für mich aber ist das "Fahrrad-Rad" eine Metapher auf den Fortschritt, der nur scheinbar ist, weil der Mensch sich im Grunde nicht verändert. Er bewegt sich mit Volldampf auf der Stelle, die technische Weiterentwicklung berührt den Grund seines Wesens nicht. Technische, wissenschaftliche Bewegung und Verharren in archaischen, urmenschlichen Verhaltensmustern - das malt sich in meinem Kopf, wenn ich Duchamps Readymade ansehe.
Ebenso Bahn brechend erscheint mir Picabia. Für mich ist er unter anderem auch ein Vorläufer der Pop Art, seiner Zeit weit voraus. Lange wurde er von den Kunsthistorikern missverstanden - auch weil er seinen Stil ständig wandelte, experimentierte, vom Realistischen ins Minimalistische und Abstrakte wechselte und wieder zurück.
 

Harald Szeeman, der große Ausstellungs-Macher und bester Kenner der Kunst, hat einmal gesagt: Duchamp hat nie aufgehört zu denken, Picabia nie aufgehört zu malen. Man könnte es auch so sagen: Sie waren Kopf und Bauch der neuen Kunst. Ein dritter Klassiker der frühen Moderne ist für mich Alberto Giacometti, der mit seinen stelenhaften Gestalten die Einsamkeit und Anonymität des Menschen im 20. Jahrhundert widerspiegelt. Ich bin immer wieder fasziniert, wen ich bei mir zu Hause " La Place II" ansehe, auf dem Menschen zu sehen sind, die aneinander vorbei gehen, ohne Notiz vom anderen zu nehmen. Die Einsamkeit hat sich verfestigt. Sie wird nicht angezweifelt, kein Versuch unternommen, sie zu überwinden. Sie ist Element geworden. Jeder geht alleine seinen Weg. Und wohin er auch geht: Er wird wieder allein sein. Der schwache Mensch, der mit starker Technik umgeht, die Einsamkeit in der Massengesellschaft, die existenzielle Bedrohung des Menschen durch Krieg und Gewalt .

Das sind die Themen, die auch Bruce Nauman in seinem Werk auf großartige Weise behandelt. Sein umfangreicher Werkblock - Skulpturen, Installationen, Modelle, Zeichnungen, Videoarbeiten - stellt ein Herzstück meiner Sammlung dar und ich halte ihn für den wichtigsten Künstler der Ist-Zeit, weil er auf einzigartige Weise menschliches Leid kommentiert.
Bruce Nauman ist, wie Dan Graham oder Paul McCarthy, die ich ebenfalls sammle, ein Künstler, der an den Schnittstellen zwischen Individuum und Gesellschaft operiert. Auch Thomas Schütte gehört dazu, der mit seinen "Modellen" komplexe Lebenssituationen und Befindlichkeiten umschreibt, ebenso wie Luc Tuymans und natürlich Martin Kippenberger, der die existenzielle Thematik mit Ironie und fast schon mit Sarkasmus aufnimmt. Und dennoch ist es ihm - wie so vielen Ironikern - bitter ernst.

Seit ich anfing, mich mit der zeitgenössischen Kunst zu befassen, sind Jahre vergangen. Eine ganze Kunst- und Denkgeschichte ließe sich an meiner Sammlung erläutern. Und eine Wandlung meiner selbst. Die Kunst und die Künstler haben mein Leben außergewöhnlich bereichert und auch Sinn vermittelt. Ich bin froh, dass ich die Kunst getroffen habe - und sie mich. Ich meine: das ist die Philosophie meiner Sammlung - durch Sehen sehend werden. Es ist die Philosophie der Aufklärung.

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Friedrich Christian Flick, Kunstsammler und Geschäftsmann

Friedrich Christian Flick wurde am 19. September 1944 in Sulzbach-Rosenberg (Oberpfalz) als Sohn von Otto-Ernst Flick und seiner Frau Barbara geboren. Sein Großvater war der Konzerngründer Friedrich Flick. Nach dem Besuch der Volksschule in Starnberg übersiedelte die Familie nach Düsseldorf, wo Friedrich Christian Flick 1964 am Comenius-Gymnasium Abitur machte. Zu dieser Zeit kam er erstmals mit zeitgenössischer Kunst in Berührung, die mit Richter, Polke, Luepertz oder Uecker in Düsseldorf herausragend vertreten war.

Obwohl ihn schon damals die Künstlerszene faszinierte, widmete er sich zunächst einer kaufmännischen Karriere, volontierte in den Vereinigten Staaten bei verschiedenen Banken und arbeitete schließlich - nach dem Jura-Studium in München und Promotion zum Dr. jur. in Hamburg - für den Glühlampen-Konzern Osram. 1972 trat FCF als Gesellschafter in die Friedrich Flick Kommanditgesellschaft ein, wo er die Tätigkeit eines Geschäftsführers übernahm. 1975 trennte er sich von seiner Beteiligung und zog nach Aufenthalten in den USA und England schließlich in die Schweiz, wo er seither als Geschäftsmann und Kunstsammler tätig ist.

Er begann zunächst mit alten Meistern, bis er sich Anfang der 80er der zeitgenössischen Kunst zuwandte. Vor allem die Bekanntschaften und Freundschaften mit Künstlern wie Paul McCarthy, Jason Rhoades, David Weiß und Peter Fischli, Roman Signer, Franz West, Thomas Schütte und vielen anderen festigten sein Interesse an Kunst, "die Bezug zur Gegenwart hat zu unserem Leben heute und seinen Problemen". Mittlerweile umfasst seine Sammlung rund 2500 Werke von 150 Künstlerinnen und Künstlern und gilt als eine der herausragenden zeitgenössischen Kollektionen der Welt.

Im Frühjahr 2001 wollte Flick seine Kunst aus dem Depot holen und überlegte, in Zürich ein Museum für die Sammlung zu errichten. Nach einer heftigen Kontroverse, die sich an der Rolle seines Großvater Friedrich Flick im Dritten Reich entzündete, gab der Enkel diesen Plan wieder auf. Die Gegner des Zürcher Projektes hatten ihm vorgeworfen, sich nicht an der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft, dem so genannten Zwangsarbeiter-Fonds, beteiligt zu haben, obwohl sein Großvater in seinem einstigen Firmen-Imperium Tausende von Zwangsarbeitern beschäftigt hatte.

Friedrich Christian Flick, der sich immer von den Taten seines Großvaters während des Nazi-Regimes distanziert hat, gründete zunächst mit einem Start-Kapital von fünf Millionen Euro die "Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz" in Potsdam, in die er sich als Stiftungsrats-Vorsitzender auch persönlich einbringt. Ziel der Stiftung ist es, präventiv angelegte Projekte zu unterstützen, die helfen sollen, Jugendliche nicht in Gewalt und Radikalismus abgleiten zu lassen.

Mittlerweile hatte sich die Stadt Berlin für die Sammlung interessiert und am 9. Januar 2003 unterzeichneten die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die staatlichen Museen zu Berlin und Friedrich Christian Flick eine Vereinbarung. Sie sieht vor, dass die Friedrich Christian Flick Collection für mindestens sieben Jahre an die Spree zieht. In der 320 Meter langen Rieckhalle - neben dem "Museum für Gegenwart" im Hamburger Bahnhof – wird seit 2004 jedes Jahr eine neue Ausstellung mit Werken aus der Sammlung gezeigt.

Im April 2005 zahlte Friedrich Christian Flick fünf Millionen Euro an die „Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (Zwangsarbeiterfonds), um das Schicksal der ehemaligen Zwangsarbeiter zu würdigen und ihnen seinen tiefen Respekt und sein Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen.

Neben der Arbeit in seiner eigenen Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz engagiert sich Flick in der Mentor-Stiftung, die weltweit gegen Drogenmissbrauch kämpft und ist Governor der Foundation des Club of Rome.

Friedrich Christian Flick hat drei Kinder aus seiner Ehe mit Maya Gräfin von Schönburg-Glauchau.